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Was ich als Betriebsrat gelernt habe

Was ich als Betriebsrat gelernt habe

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Es gibt Erfahrungen, die verändern den Blick auf die Arbeit und auf sich selbst. Für mich war das die Zeit als Betriebsrat. Heute bin ich es nicht mehr. Was ich in dieser Zeit gelernt habe, trage ich aber jeden Tag mit mir.

Woher ich komme

Fairness und Gerechtigkeit begleiten mich seit meiner frühesten Jugend. Politisch stand ich schon immer eher links, und das hat einen einfachen Grund. Ich konnte und kann nicht gleichgültig zusehen, wie Menschen am Abgrund stehen, während es anderen nie genug ist.

Gerechtigkeit ist für mich keine abstrakte Idee. Es geht darum, ob Menschen mit ihrer Arbeit gut leben können.

Dieser Antrieb hat mich irgendwann dorthin geführt, wo man ihn ganz konkret einbringen kann: in den Betriebsrat.

Warum ich Betriebsrat geworden bin

Ich bin überzeugt, dass die Beschäftigten im Betrieb eine Stimme brauchen. Diese Stimme soll nicht gegen die Geschäftsführung arbeiten, sondern mit ihr. Gemeinsam und partnerschaftlich kann man an einem besseren Betrieb und einem besseren Betriebsklima arbeiten.

Mein Grundsatz war immer: mit vereinten Kräften, nie gegeneinander. Für mich ist das gelebte Sozialpartnerschaft im Kleinen, also genau das Prinzip, das in Österreich zwischen Gewerkschaft, Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer seit Jahrzehnten funktioniert.

Das klingt einfacher, als es ist. Oft fällt es schwer. Und oft ist der Kompromiss am Ende für beide Seiten unbefriedigend. Trotzdem halte ich das für den richtigen Weg.

Eines ist mir dabei wichtig: Partnerschaftlich heißt für mich nicht, immer Ja zu sagen. Ich vertrete meinen Standpunkt klar, und zwar auf Augenhöhe. Partnerschaft funktioniert nur, wenn beide Seiten fair spielen. Ohne Fairness gibt es keine Partnerschaft.

Ein guter Betriebsrat nützt allen

Ich bin fest davon überzeugt, dass Betriebsratsarbeit den gesamten Betrieb besser macht. Ein gutes Betriebsklima ist kein Luxus. Menschen, die sich fair behandelt und gehört fühlen, arbeiten lieber, bleiben länger und leisten mehr. Am Ende profitieren davon alle, auch das Unternehmen durch höhere Produktivität.

Was am meisten wehgetan hat

Umso mehr hat mich ein Erlebnis getroffen, mit dem ich so nicht gerechnet hatte. Der härteste Gegenwind kam nicht von der Geschäftsführung. Er kam aus der Belegschaft selbst, teilweise sogar von Bekannten aus dem Kollegenkreis.

Manchmal wurden Kleinigkeiten groß gemacht, auf die ich gar keinen Einfluss hatte. Manchmal wurde mir Untätigkeit vorgeworfen. Dabei ging es um Dinge, die gar nicht zu meinen Rechten und Pflichten als Betriebsrat gehörten. Und dann gab es noch die feuchtfröhlichen Diskussionen über Neoliberalismus, spätabends und bei einem Glas zu viel, in denen ich erklären durfte, wozu es einen Betriebsrat überhaupt braucht.

Grenzen im Konzern

Gerade im Konzernumfeld ist der Einfluss eines Betriebsrats begrenzt. Viele Entscheidungen fallen weit weg vom eigenen Standort. Und ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Auch auf dieser Ebene gibt es harte Interessenkonflikte, und nicht jede Auseinandersetzung läuft so, wie ich sie mir wünschen würde.

Warum ich nicht alles im Detail erzählen kann: Als Betriebsrat unterliegt man einer gesetzlichen Verschwiegenheitspflicht (§ 115 Abs. 4 Arbeitsverfassungsgesetz). Sie gilt auch nach dem Ende der Funktion weiter. Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse, Inhalte vertraulicher Verhandlungen und persönliche Angaben über Kolleginnen und Kollegen darf ich daher nicht öffentlich machen. Ich halte mich daran, auch wenn ich manches gern genauer erklären würde.

Das Schwierige daran ist, dass man vieles davon der Belegschaft nicht sagen kann. Man trägt es allein mit sich herum, während man gleichzeitig Vorwürfe einsteckt.

Am Verhandlungstisch habe ich gelernt: Nicht jeder Ton ist fair, und nicht jede Forderung hat eine Grundlage in Vertrag, Betriebsvereinbarung oder Gesetz. Gerade dann gilt es, sachlich zu bleiben, auch wenn es schwerfällt.

Denn eigentlich sitzen wir alle im selben Boot. Wir sind alle Beschäftigte, und wir sind alle auf faire Regeln angewiesen.

Das verletzt. Man setzt sich für die Menschen ein, mit denen man jeden Tag arbeitet, investiert Zeit, Nerven und Herzblut. Und dann bekommt man ausgerechnet von ihnen Gegenwind.

Was ich daraus mitnehme

Ich bin ein Idealist, und dafür bin ich dankbar. Die Zeit als Betriebsrat hat mir gezeigt, wie idealistisch ich bin. Diese Erkenntnis war nicht immer bequem. Trotzdem möchte ich sie nicht missen. Sie erklärt, warum mich manches so trifft, und auch, warum ich trotzdem weitermache.

Erwartungen klären. Viele wissen nicht genau, was ein Betriebsrat darf und was nicht. Je klarer die Rolle ist, desto weniger Enttäuschung gibt es auf beiden Seiten.

Kritik einordnen. Nicht jeder Vorwurf ist berechtigt. Und nicht jeder unberechtigte Vorwurf ist böse gemeint. Oft steckt Frust über etwas ganz anderes dahinter.

Den Idealismus behalten, aber schützen. Ohne Idealismus engagiert man sich nicht. Mit zu viel davon brennt man aus. Die Balance zu finden, ist vielleicht die eigentliche Lektion.

Was bleibt: Rückhalt, Freundschaften und gute Zeiten

Wer nur bis hierhin liest, bekommt ein schiefes Bild. Denn so viel Gegenwind es gab, so viel Unterstützung habe ich auch erfahren. In dieser Zeit sind zahlreiche Freundschaften entstanden, die mir bis heute viel bedeuten. Wenn ich zurückdenke, sehe ich vor allem die vielen guten Zeiten.

Wie mich diese Zeit verändert hat

Eines musste ich mir mittlerweile selbst eingestehen: Ich habe mich verändert. Ich bin „stärker“ geworden. An manchen Tagen würde ich auch sagen, ein bisschen „kälter“. Ich nehme nicht mehr alles persönlich, und das schützt mich.

Ganz abgehärtet bin ich trotzdem nicht. Enttäuscht bin ich immer noch oft genug. Vielleicht ist das sogar gut so. Wer nicht mehr enttäuscht sein kann, dem ist es irgendwann egal.

Warum ich darüber schreibe

Genau deshalb gibt es diesen Blog. Ich möchte meinen Gedanken zur Arbeitswelt einen Ort geben, an dem genug Raum ist, um meine Anliegen ausführlich und in Ruhe zu erklären. Ein schneller Kommentar zwischen Tür und Angel reicht dafür nicht.

Und weiter

Ich bin und bleibe überzeugter Gewerkschafter. Ich besuche gewerkschaftliche Schulungen, und Fairness und Gerechtigkeit bleiben mein Kompass. Ich freue mich ehrlich darauf, was die Zukunft bringt.

Und ja: Ich kann mir gut vorstellen, mich in Zukunft wieder als Betriebsrat zu engagieren. Diesmal weiß ich aber genauer, wo mein Platz ist. Ich möchte vorne dabei sein, mitten in der Belegschaft, nah an den Menschen und ihren Anliegen. Den Vorsitz überlasse ich gern anderen. Ein Vorsitzender muss viele Termine wahrnehmen, die ihn zwangsläufig vom Arbeitsalltag der Kolleginnen und Kollegen wegführen. Ich war immer schon am liebsten einfach und vor Ort. Dort kann ich am meisten bewirken.

Ich stecke meine Energie und meine Zeit in ein gemeinsames Stärken der Arbeitnehmerbewegung. Nicht allein, sondern zusammen mit allen, die sich ebenfalls einsetzen. Mein Ziel ist eine bessere Zukunft für alle, die wir gemeinsam schaffen. Das war schon immer so, und so bleibt es auch.

Woher ich die Energie dafür nehme, erzähle ich im Beitrag Neue Energie: Wie mich ein Gewerkschafts-Workshop wieder lauter gemacht hat.

Wer in einem Betriebsrat sitzt oder überlegt, sich aufstellen zu lassen: Es lohnt sich. Geh mit offenen Augen hinein, mit einem dicken Fell und mit dem Wissen, dass gute Arbeit manchmal erst später gesehen wird. Und mit dem Wissen, dass du nicht allein bist.

Das ist die Fassung in Einfacher Sprache.

Wer ich bin

Ich heiße Martin. Ich war Betriebsrat. Heute bin ich kein Betriebsrat mehr. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt. Davon erzähle ich hier.

Was mir wichtig ist

Gerechtigkeit ist mir sehr wichtig. Das war schon immer so, schon als Jugendlicher. Manchen Menschen geht es sehr schlecht. Andere Menschen haben sehr viel und wollen trotzdem immer mehr. Das finde ich nicht fair.

Was macht ein Betriebsrat?

Ein Betriebsrat vertritt die Beschäftigten in einer Firma. Er spricht mit der Chefin oder dem Chef. Er setzt sich für die Beschäftigten ein.

Warum ich Betriebsrat geworden bin

Ich finde: Die Beschäftigten brauchen eine Stimme in der Firma. Der Betriebsrat und die Firmen-Leitung sollen zusammen arbeiten. Nicht gegeneinander. Das nennt man in Österreich Sozialpartnerschaft.

Das ist nicht immer leicht. Oft muss man einen Kompromiss finden. Ein Kompromiss heißt: Beide Seiten geben ein bisschen nach. Manchmal sind dann beide Seiten nicht ganz zufrieden.

Zusammenarbeit klappt nur, wenn beide Seiten fair sind.

Warum ein Betriebsrat allen hilft

Wenn die Stimmung in der Firma gut ist, arbeiten die Menschen gern. Dann arbeiten sie auch besser. Davon hat auch die Firma etwas.

Was schwer war

Manche Kolleginnen und Kollegen waren gegen mich. Das hat mich überrascht. Und es hat mich traurig gemacht.

Manche haben gesagt: „Du tust nichts.“ Aber oft ging es um Dinge, für die ein Betriebsrat gar nicht zuständig ist.

In einer großen Firma kann ein Betriebsrat nicht alles bestimmen. Viele Entscheidungen fallen woanders. Manchmal gab es harten Streit. Manchmal war der Ton rau. Dann ist es wichtig, ruhig zu bleiben. Vieles davon durfte ich den Kolleginnen und Kollegen nicht erzählen.

Warum ich nicht alles erzähle: Ein Betriebsrat muss manche Dinge geheim halten. Das steht so im Gesetz. Das gilt auch, wenn man kein Betriebsrat mehr ist. Daran halte ich mich.

Was gut war

Ich habe auch viel Hilfe bekommen. Ich habe viele Freundinnen und Freunde gefunden. Ich denke gern an viele schöne Zeiten zurück.

Wie ich mich verändert habe

Ich bin stärker geworden. Ich nehme nicht mehr alles persönlich. Aber manchmal bin ich immer noch enttäuscht.

Was ich gelernt habe

  • Ich bin ein Mensch mit großen Idealen. Darüber bin ich froh.
  • Man soll klar sagen, was ein Betriebsrat tun kann und was nicht.
  • Nicht jede Kritik ist richtig.
  • Man muss auch auf sich selbst aufpassen.

Warum ich diesen Blog schreibe

Ich will meinen Gedanken einen Platz geben. Hier kann ich sie in Ruhe erklären.

Ich bin weiter in der Gewerkschaft.

Vielleicht werde ich wieder Betriebsrat. Das kann ich mir gut vorstellen. Aber ich will nicht der Chef vom Betriebsrat sein. Der Chef hat viele Termine. Dann ist er oft nicht bei den Kolleginnen und Kollegen. Ich will lieber direkt bei den Menschen sein. Das war mir schon immer am liebsten.

Ich wünsche mir, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zusammenhalten. Dafür setze ich viel Kraft und Zeit ein. Gemeinsam mit anderen. Woher ich die Kraft dafür habe, steht in diesem Text: Neue Energie durch einen Workshop Ich wünsche mir eine gute Zukunft für alle.

Mein Tipp: Willst du Betriebsrat werden? Mach es! Es ist nicht immer leicht. Aber es lohnt sich. Und du bist nicht allein.

This is the English translation (British English) of the original German post.

Some experiences change the way you see work and the way you see yourself. For me, that was my time on the works council. I am no longer a member, but I carry what I learnt there with me every day.

A quick note for readers outside Austria: a works council (Betriebsrat) is a body of employees, elected by their colleagues, that represents the workforce towards management. Its rights and duties are set out in law.

Where I come from

Fairness and justice have been with me since my early youth. Politically, I have always leant towards the left, and the reason is simple. I could not, and still cannot, stand by indifferently while some people are on the brink and others never have enough.

For me, justice is not an abstract idea. It is about whether people can make a decent living from their work.

At some point, that drive led me to a place where I could put it into practice: the works council.

Why I joined the works council

I am convinced that employees need a voice in the workplace. That voice should not work against management but with it. Together, as partners, you can build a better organisation and a better working atmosphere.

My guiding principle was always: join forces, never work against each other. To me, that is social partnership on a small scale. It is the same principle that trade unions, the Chamber of Labour and the Economic Chamber have practised in Austria for decades.

That sounds easier than it is. It is often hard. And the compromise often leaves both sides unsatisfied in the end. Even so, I believe it is the right way.

One thing matters to me here. For me, working in partnership does not mean always saying yes. I state my position clearly, and on an equal footing. Partnership only works if both sides play fair. Without fairness, there is no partnership.

A good works council benefits everyone

I firmly believe that the work of a works council makes the whole organisation better. A good working atmosphere is not a luxury. People who feel treated fairly and listened to enjoy their work more, stay longer and achieve more. In the end, everyone benefits, including the company through higher productivity.

What hurt the most

That made one experience all the harder, and I had not seen it coming. The strongest headwind did not come from management. It came from the workforce itself, sometimes even from acquaintances among my colleagues.

Sometimes trivial matters I had no influence over were blown out of proportion. Sometimes I was accused of doing nothing, over things that were not even part of my rights and duties as a works councillor. And then there were the boozy late-night debates about neoliberalism, one drink too many, in which I got to explain why a works council is needed at all.

Limits within a corporate group

Within a large corporate group in particular, a works council’s influence is limited. Many decisions are made far away from your own site. Without going into too much detail: there are tough conflicts of interest at that level too, and not every dispute goes the way I would wish.

Why I cannot go into detail: Members of a works council are bound by a statutory duty of confidentiality (Section 115(4) of the Austrian Labour Constitution Act, Arbeitsverfassungsgesetz). It continues to apply after leaving office. I am therefore not allowed to make public any trade or business secrets, the content of confidential negotiations or personal information about colleagues. I respect that duty, even though there are things I would gladly explain in more detail.

The difficult part is that you cannot tell the workforce much of this. You carry it alone while taking criticism at the same time.

At the negotiating table, I learnt that not every tone is fair, and not every demand is grounded in a contract, a works agreement or the law. That is precisely when it matters to stay objective, even when it is hard.

Because really, we are all in the same boat. We are all employees, and we all depend on fair rules.

It hurts. You stand up for the people you work with every day. You invest time, nerves and heart. And then the headwind comes from them, of all people.

What I take away from it

I am an idealist, and I am grateful for that. My time on the works council showed me how idealistic I am. That realisation was not always comfortable. Still, I would not want to be without it. It explains why some things affect me so deeply, and also why I keep going anyway.

Clarify expectations. Many people do not know exactly what a works council can and cannot do. The clearer the role, the less disappointment on both sides.

Put criticism into perspective. Not every accusation is justified. And not every unjustified accusation is meant maliciously. Often there is frustration about something else entirely behind it.

Keep your idealism, but protect it. Without idealism, you would never get involved. With too much of it, you burn out. Finding the balance is perhaps the real lesson.

What remains: support, friendships and good times

Anyone who stopped reading here would get a distorted picture. For all the headwind, I also received a great deal of support. Many friendships were formed during that time, and they still mean a lot to me today. When I look back, what I mostly see are the many good times.

How that time changed me

There is one thing I have since had to admit to myself: I have changed. I have become “stronger”. On some days, I would also say a little “colder”. I no longer take everything personally, and that protects me.

Even so, I have not become completely thick-skinned. I am still disappointed often enough. Perhaps that is a good thing. If you can no longer be disappointed, sooner or later you stop caring.

Why I write about it

That is exactly why this blog exists. I want to give my thoughts about the world of work a place with enough room to explain my concerns properly and calmly. A quick comment in passing is not enough for that.

And onwards

I am and will remain a committed trade unionist. I attend trade union training courses, and fairness and justice remain my compass. I am genuinely looking forward to whatever the future brings.

And yes: I can well imagine serving on a works council again in the future. This time, though, I know more clearly where I belong. I want to be on the front line, right among the workforce, close to people and their concerns. I am happy to leave the chair to others. A chair has to attend a great many meetings, which inevitably take them away from colleagues’ day-to-day working lives. I have always been happiest keeping things simple and being on the ground. That is where I can make the biggest difference.

I put my energy and my time into strengthening the labour movement together. Not on my own, but alongside everyone else who is committed to it. My aim is a better future for everyone, built together. It always has been, and it always will be.

Where I find the energy for this is the subject of my post New Energy: How a Trade Union Workshop Made Me Louder Again.

If you sit on a works council or are thinking of standing for election: it is worth it. Go in with your eyes open and a thick skin, knowing that good work is sometimes only recognised later. And knowing that you are not alone.

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